Hintergrund

Zum Themengebiet – Hintergrund des Projektes

Es gibt nur wenige pädagogische Zonen, die bei Eltern so viel Ratlosigkeit und Unsicherheit hervorrufen wie das Einfließen moderner Medien in die Lebenswirklichkeit ihrer Kinder. Fernsehen, Internet und Telekommunikation sind zu einem integralen Bestandteil unserer Gesellschaft geworden und ebenso wenig aus unserem Leben wegzudenken wie die Verkehrsmittel Bahn, Auto und Flugzeug. Weit mehr noch als für die Verkehrsmittel gilt: Wer aktiv an der Gesellschaft Anteil nehmen will, erst recht wer sie kreativ mitgestalten will, muss sich der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie be­dienen. Kein Wunder, dass Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Erziehungswesen einen immer stärkeren und immer früheren Einsatz der entsprechenden Technologie in Schulen und sogar Kindergärten fordern und fördern. Eine unbestrittene Wurzel dieses Mega­trends ist die angstbesetzte Zukunftsvision, dass Deutschland andernfalls seine wirtschaftliche Spitzenstellung und damit seinen hart erarbeiten Wohlstand verlöre. Was für unser Land anvisiert wird, findet seine Parallele wie selbstverständlich in der Besorgnis heutiger Eltern um das zukünftige berufliche Wohlergehen ihrer Kinder, denen die Welt angeblich nur offenstehen wird, wenn sie so früh wie möglich mit der jeweils neuesten Medientechnologie Schritt halten können.
Diese Ängste und Unsicherheiten werden von einem stetig wachsenden, vornehmlich profitorientierten Markt bedient. Der wiederum lockt mit immer neuen Produkten und verstärkt den Glauben an die Notwendigkeit einer „Digitalisierung der Kinder“.
Die Interessen von Politik und Markt werden uns unüberhörbar in fast allgegenwärtigen Botschaften nahegebracht. Meist so unterschwellig, dass wir sie unüberprüft als Selbstverständlichkeiten übernehmen.
Niemandem scheint dabei aufzufallen, dass es nicht um die Frage geht „Welche Menschen braucht die Gesellschaft und wie fördern wir Kinder, dass sie solche Menschen werden?“ Vielmehr sollte die Fragestellung lauten: „Welche inneren Bedürfnisse haben Kinder und was brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung im Kleinkind- und Grundschulalter?“

Diskurs in Fachkreisen

In diesem letztgenannten Sinne mehren sich kritische Stimmen zu den gängigen Konzepten der Erziehung. Dabei sind es nicht nur die Pädagogen selbst, von denen der neue Ruf nach Veränderung und Umdenken im Erziehungs- und Bildungssystem ausgeht. Es sind auch Neuro-Wissenschaftler (Schlagwort „Neuropädagogik“) wie z.B. Gerald Hüther oder Manfred Spitzer oder Kulturwissenschaftler wie Harald Welzer, die auf die öffentliche Debatte Einfluss nehmen. Sie halten das immer effektivere Lernen mit immer modernerer Technologie für eine falsche pädagogische Strategie, weil sie die natürliche Lernfreude sowie die Entwicklung von Talenten und charakterlichen Stärken der Kinder bedroht sehen. Natürlich in Kindern angelegte Neigungen wie Neugier, Gestaltungswillen, Kreativität, Solidarität gelte es zuerst zu stärken. Seelisch gesunde Kinder sind in der Lage, beliebige Lernstoffe zu bewältigen, weil sie mit Freude an die Sache herangehen können. Auch Reformpädagogen sehen eine Bestätigung ihrer Ansichten zur Unterrichtsgestaltung in neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.
Noch viel brisanter ist die Diskrepanz unterschiedlicher Ansätze im Umgang mit technischen Medien im Kleinkind- und Kindergartenalter. Nicht zuletzt getrieben von der Sorge über die immer schlechter ausfallenden Ergebnisse deutscher Kinder in den PISA-Studien. Einigkeit herrscht in der Auffassung, dass die Entwicklung von Medienkompetenz Teil des zeitgemäßen Erziehungsauftrags sein muss. Uneinigkeit besteht jedoch darin, was unter Medienkompetenz zu verstehen ist: Für manche bedeutet es die technische Fähigkeit mit digitalen Medien umzugehen, für andere ist Medienkompetenz eine Form von Reife, die sich durch die Entwicklung persönlicher Stärken bildet. Eine Kompetenz, die sich entwicklungsbedingt erst im Schulalter ausbilden kann.
Deswegen erscheinen bildungspolitische Maßnahmen, die einen immer früheren und stärkeren Einsatz von Computern in Kindergärten und Grundschulen anstreben, mehr als fragwürdig.
Eine noch größere Problematik findet sich im häuslichen Umfeld in Bezug auf Fernsehen, Internet und digitale Kinderspiele. Immer weniger Eltern können dem Druck von Seiten der Kinder und ihrer Peergroups standhalten, „up to date“ zu sein in Sachen Kinderserien und digitaler Spiele.

Email this to someoneShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on LinkedInDigg this