Vortragsmaterial

Hier finden Sie Vortragsinhalte und Thesen einiger Dozenten.

 

 

Andreas Neider über “Medienwirksamkeit und Empathiekräfte im  Kinder – und Jugendalter”

Andreas Neider

Kinderaugen sehen mehr – als uns lieb ist

 

Die freie Bildungsstätte „der hof“ Niederursel und der Waldorfkindergarten Bad Vilbel hat am 27. September 2014 zu einem „Fachtag Medienkompetenz“ nach Bad Vilbel eingeladen, zu dem etwa 80 Menschen, Eltern und Erzieher, sich am Dottenfelder Hof zusammen fanden. Die Schirmherrschaft hatte Dr. Roland Kaehlbrandt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt/M. übernommen. Neben zwei Schwerpunktbeiträgen von Claudia Grah-Wittich und Andreas Neider gab es in verschiedenen Workshops die Möglichkeit, sich mit Alternativen zur Medienwelt in Form von verschiedenen Sinneserfahrungen auseinanderzusetzen, abschließend gab es eine Podiumsdiskussion mit Medienvertretern, Waldorfvertretern und zwei Oberstufenschülern.

Claudia Grah-Wittich umriss in ihrem einleitenden Vortrag über die kleinkindlichen Bedürfnisse von Eigenständigkeit und Beziehung das Spannungsfeld, in dem kleine Kinder heute aufwachsen. Auf der einen Seite stehe das Bedürfnis nach Geborgenheit und Bindung, auf der anderen Seite das nach Eigenständigkeit und Autonomie. Alle Erziehenden bilden, ob sie es bewusst wahrnehmen oder nicht, das originäre Umfeld und den Spiegel, an dem die Kinder sich erleben.

Gleichzeitig wolle das Kind aber eigenständig die Welt entdecken, sich die Welt auf eigenen Wegen aneignen. Diese sollten daher nicht durch Maßregelungen oder Überangebote verstellt oder reguliert werden. In diesem Spannungsfeld der ersten sieben Lebensjahre könnten, so Grah-Wittich, Medien nur als Störfaktoren erlebt werden, weil sie den originären Zugang zur Welt in Form von Bildschirmen verstellen und andererseits den lebenden Menschen als Vorbild in Form einen Apparates ersetzen.

Daran anknüpfend machte Andreas Neider in seinem Vortrag deutlich, wie die Computerwelt des Internets als heutiges Primärmedium das Abbild eines materialistischen Menschenverständnisses sei, dass im Gehirn den eigentlichen Ausdruck des Menschen und in der Seele ein Produkt dieses Gehirns erblickt. Computernetzwerke wie das Internet seien der konkrete Ausdruck des Versuches, den Menschen auf technologischer Ebene weiter zu entwickeln. Dabei ersetze das Medium Internet und die mit ihm verbundenen Bild- und Tonmedien mehr und mehr menschliche Fähigkeiten der Kommunikation und Umweltbeziehung mit der Gefahr eines Autismus, der sich nur mit Hilfe virtueller Beziehungen mit der Welt verständigen könne. Der Mensch als geistig-seelisches Wesen sei aber gerade durch seinen Leib und durch die durch ihn vermittelten Sinneserfahrungen ein mit der Welt empathisch verbundenes Wesen. Je mehr der Leib aber durch die Maschine Computer und das Internet ersetzt würde, desto mehr entstehe die Gefahr einer Verschmelzung von Mensch und Maschine.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde diese These durch die Vertreter der Medien, vor allem Claus Fokke-Wermann vom SWR-Fernsehen, vehement bestritten. Die Medienwelt ersetze nichts, sie erweitere nur den Erfahrungsraum der Kinder und Jugendlichen und gehöre daher von Anfang an mit in das Umfeld Heranwachsender. Den Sorgen der Waldorfvertreter um eine zunehmend durch Medien besetzte Freizeit ihrer Kinder entgegneten die beiden Oberstufenschüler erstaunlich gelassen, in dem sie auf die Fähigkeit der Selbstregulation und des kritischen Umgangs mit dem Internet verwiesen. Am Ende blieb als ein Fazit, dass es für die Eltern vor allem darauf ankomme, im Hinblick auf ihre Vorbildfunktion auch den eigenen Umgang mit dem Internet kritisch zu hinterfragen, um sich dann mit den Kindern und Jugendlichen umso kompetenter austauschen zu können.

 

 

Claus Fokke Wermann

„Kinderaugen sehen mehr – als uns lieb ist“ – 10 Thesen

„Neue Medien“ gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Nach der neuen KIM/JIM-Studie sind es rund drei Stunden täglich. 75% davon entfallen auf Kommunikation. Eine „bewahrpädagogische Sicht“ ist da völlig verfehlt.

Die oft formulierte Dichtonomie von „guten“ (Buch) und „schlechten“ (Computer) Medien ist falsch: Jugendliche lesen z.B. genau so viel wie vor 15 Jahren.

Jugendliche nutzen fast eine Stunde täglich die Medien für die Schule. Es gibt also einen hohen Bildungsanteil.

Kindliche und jugendliche Lebenswelt ist heute mediale Lebenswelt, so dass die Ausbildung umfassender Medienkompetenz und dabei insbesondere die Ausbildung kritischer Reflexionskompetenz notwendigerweise geboten ist.

Erzieher/-innen, Lehrer/-innen, Jugendliche und Kinder brauchen Gestaltungskompetenz. Medienpädagogische Projekte sind schon im Kindergarten sinnvoll.

In der Unübersichtlichkeit der Medien braucht es klare Kriterien: Wie kann ich Werbung erkennen? Wie kann ich ein Thema recherchieren? Was ist wahr?

Smartphones etc. verändern unser Leben und unsere Kommunikation. Gerade deshalb ist es wichtig, sich damit auseinander zu setzen.

Medienpädagogik bekommt einen neuen Stellenwert: Kinder und Jugendliche zu qualifizieren, die Medien inhaltlich und gestalterisch für ihre Interessen zu nutzen. Medienethik als Unterrichtsfach.

Hinter jeder neuen Entwicklung stehen selbstredend die wirtschaftlichen Interessen multinationaler Konzerne.

Es geht um die Kompetenz und um die Fähigkeit, entscheiden zu können, was ich nutzen will und was nicht.

 

 

Fachtag für Medienkompetenz, 27.9.2014 Bad Vilbel

Grußwort von Dr. Roland Kaehlbrandt

Meine Damen und Herren,

der Soziologe Richard Münch, der in der berühmten Schwarzen Reihe von Suhrkamp zwei Standardwerke über die Kommunikationsgesellschaft geschrieben hat, definiert diese Gesellschaftsform folgendermaßen: „Die Kommunikationsgesellschaft wird durch eine ungeheure Vermehrung, Beschleunigung, Verdichtung und Globalisierung von Kommunikation bestimmt.“

Spüren wir diesem Satz einmal nach.

Vermehrung von Kommunikation. In der Tat. Wir Deutschen galten im Vergleich der Völker-Clichés bislang eher als schweigsam, als Kommunikationsmuffel, jedenfalls nicht als geschwätzig, schon allein, weil man unserer Sprache einen schweren Satzbau nachsagte, der die Kommunikation erschwere (Mark Twain). Doch welche Sprachgemeinschaft steht mit an der Spitze der Internet-Seiten? Nun, die deutsche folgt gleich auf die englische. Die Deutschsprachigen sind also ausgesprochen kommunikationsfreudig, jedenfalls im Netz. Auch im internationalen Vergleich. Aber von welcher Art und Qualität ist diese Kommunikationsfreude?

Die Schriftkultur würde durch eine Kultur des Bildes verdrängt, orakelten vor einigen Jahren Experten, und auch heute sind derartige Befürchtungen zu hören. Doch ist je so viel geschrieben worden wir unserer Zeit? Seit facebook, Twitter und What’s App-Nachrichten im Handumdrehen geschrieben, gesendet, empfangen und beantwortet werden können, nimmt die geschriebene Nachricht dramatisch zu. Man kann geradezu von einem kometenhaften Wiederaufstieg der Schriftsprache sprechen. Aber von welcher Qualität ist diese geschriebene Sprache, und wie beeinflusst sie unsere Sprach- und auch Schriftsprachkultur?

Beschleunigung der Kommunikation. Digitale Nachrichten erreichen den Empfänger direkt. Damit verbunden ist allerdings dann auch die Erwartung, dass der Empfänger unverzüglich auf die empfangene Nachricht antwortet. Können Sie heute eine Mail tagelang unbeantwortet liegen lassen? Was hätte Frau Beckey von mir gedacht, wenn ich auf Ihre Anfrage, die Schirmherrschaft über diese Tagung zu übernehmen, nicht gleich reagiert hätte? Nein, die Direktheit der Kommunikation, also die Direktkommunikation, hat etwas im Gepäck, das uns weniger lieb sein kann: den Zwang zur raschen Reaktion, den Reaktionszwang. Heute gilt in nicht mehr metaphorischer, sondern in wörtlicher Bedeutung jenes Diktum von Paul Watzlawik: man kann nicht nicht kommunizieren. Sagen wir es ohne doppelte Verneinung, und fügen wir ein anderes Modalverb ein: Man muss kommunizieren. Und zwar sofort. Mir ist nicht bekannt, ob es schon Studien über die Häufigkeit und die Schwere von Missverständnissen und Konflikten gibt, die infolge zu schnell abgeschickter Mails oder Nachrichten auf What’s App entstanden sind. Ich ahne, dass infolge der beschleunigten Kommunikation im Privaten wie auch in der politischen Kommunikation erhebliche Schäden zu verzeichnen sind. Nachdenken, bevor man etwas schreibt, soll hilfreich sein. Durch den Beschleunigungsdruck wird eher geschrieben wie man spricht. Das Mündliche kommt zum Schriftlichen. Der Unterschied ist nur: Das Geschriebene bleibt, es ist semi-offiziell.

Die Direktheit und die dadurch erzeugte Beschleunigung von Informationen und ihrer Weitergabe scheint mir ein besonders schwerwiegendes und folgenreiches Faktum zu sein:

Wir brauchen unsere Vernunft, um in einer unübersichtlichen Welt unsere Urteilskraft zu entfalten, eine der wichtigsten Fähigkeiten, die die moderne Persönlichkeit ausprägen muss, wenn sie sie selbst bleiben können will und wenn sie nicht einfach vor angeblich „alternativlosen“ Sachzwängen kapitulieren will. Urteilsfähigkeit braucht die Zeit, die der Sorgfalt geschuldet ist. Die Beschleunigung unserer Reaktionszeiten stellt unsere Urteilskraft auf eine harte Probe. Soweit zur Vernunft. Auch als vernunftbegabte Wesen wollen wir uns in Dinge, in Zusammenhänge, in Daseinslagen einfühlen können. Gerade dies erfordert manchmal Ruhe, Langsamkeit, Anbahnung – geradezu das Gegenteil dessen, was uns eine oft auf schnelle Schnitte, schrille Ablenkung und Schockwirkung zielende Direktkommunikation aufdrängt – eben eine, wie Richard Münch es sagt – verdichtete Kommunikation, die um den Globus rast.

Warten können, denken können, sich einfühlen können, die Dinge jedenfalls gelegentlich seinem eigenen Zeitmaß unterwerfen – das scheint heute eine luxuriöse Form von Souveränität zu sein. Und doch scheint es mir eine Form von Souveränität zu sein, die wir unbedingt lernen müssen oder, wenn wir sie beherrschen, uns bewahren müssen. Dann jedenfalls, wenn wir dem zustimmen, was die Veranstalter – meines Erachtens sehr klug – im Programm zur heutigen Tagung formuliert haben, dann nämlich, wenn wir meinen, dass wir nicht den Menschen für die Verhältnisse formen müssen, sondern umgekehrt hinschauen sollten, was des Menschen ist, was der Mensch braucht, und danach die Gesellschaft formen. Die Gesellschaft und die Erziehung zur Gesellschaft, die eine Erziehung zur Persönlichkeit sein muss. In leichter Abwandlung des Veranstaltungstextes: Welche inneren Bedürfnisse hat der Mensch, und was braucht der Mensch für eine gesunde Entwicklung? Das ist in der Tat eine Umkehrung des ökonomischen Diskurses, der seit den 90er Jahren Mainstream geworden ist. Er setzt die Anpassungsfähigkeit des Menschen, z.B. die employability, an die Spitze dessen, was ein Bildungssystem vermitteln muss. Ein bedenkliches Weltbild! Nichts gegen die Fähigkeit, auf äußere Einflüsse angemessen zu reagieren. Aber neben der Reaktionsfähigkeit muss doch vor allem die Aktionsfähigkeit, die Handlungsfähigkeit, ausgeprägt werden, also die Individualität in Gemeinschaft!

Nun, in der offenen Gesellschaft, und in einer solchen leben wir glücklicherweise, und sie wollen wir uns bewahren, sind dies alles Prägungen, Diskurse, Einflüsse, denen die Bürger andere Einflüsse und Wertungen entgegenstellen können. Wie wir das können, als Eltern, als Lehrkräfte, als Erzieherinnen, dem wollen wir heute auf den Grund gehen. Wie können wir eher die technischen Vorteile der Kommunikationsgesellschaft nutzen, die phantastischen Möglichkeiten, die sich dem kreativen Menschen bieten, allein wenn ich an die Musikproduktion denke, die Möglichkeit, intelligente und gut geschriebene Texte unkompliziert zu verbreiten, die Chancen, die kindgerechte Lernprogramme als Ergänzung bieten? Wann und wie sollen wir Kinder an diese Medienwelt heranführen, wie können wir die Urteilskraft der Kinder stärken, wo müssen wir Grenzen setzen, wo Möglichkeiten eröffnen? Dabei wird es darum gehen, die Risiken, die ich eingangs beschrieb, im Auge zu haben, und andererseits die produktiven Möglichkeiten nicht zu versäumen. Es ist von größter Wichtigkeit, dass wir uns eine Orientierung verschaffen, die uns hilft, denjenigen einen guten Kompass mitzugeben, die unsere Gesellschaft in die nächste Generation führen werden. Ich beglückwünsche daher die Veranstalter zu ihrer Initiative und eröffne die Tagung.

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